Brief an meinen Vater

By son4myfather

Was ich will
Papa, das ist ein Brief an Dich. Es soll ein versöhnlicher Brief sein. Dieses eine Mal will ich versuchen uneingeschränkt auf Deiner Seite zu stehen, auch wenn ich über Deine Fehler schreibe. Ich will versuchen zu verstehen und ich will Dir verzeihen können. Ich will endlich frei sein und den Teil an mir lieben den ich von Dir bekam.

Was ich hasste
Du schlugst sie. Du schlugst meine Mutter, die ich doch so nötig brauchte. Ich war doch noch so klein. Der Boden war voller Blut und als sie es wegwischen wollte schlugst Du sie wieder. Du nahmst mich – den Kleinsten von uns Dreien hoch – und sagtest, dass Du fortgehst und ihn mitnimmst. Du wolltest sie noch mehr verletzen, denn Du wusstest ihre Wunden werden heilen. Um sie zu quälen musstest Du noch mehr tun. Ich habe Dich dafür gehasst! Ich wollte nicht weg von ihr, ich wollte nicht mit Dir gehen und vor allem wollte ich Dir nicht dabei helfen sie zu quälen.

Ich habe diese Ereignisse immer und immer wieder erlebt. Die Erinnerung daran wollte nicht verblassen. Auch dafür habe ich Dich gehasst. Bei jedem lauten Wort und bei angespannter Stimmung hatte ich Angst, dass es wieder passiert und es passierte wieder.

Noch heute empfinde ich körperliches Unbehagen, wenn sich Menschen die mir nahe stehen streiten oder einfach nur kurz davor sind. Ich habe seitdem feine Antennen für diese Situationen und immer wieder habe ich die Angst mitgenommen zu werden. Ich fühle ich mich dann schuldig und hilflos und glaube immer noch etwas falsch gemacht zu haben. Plötzlich bin ich wieder dieser kleine wehrlose Junge.

Was ich mochte
Deine rauen Hände waren fest und stark. Ich fühlte mich sicher an Deiner Hand. Du konntest mich mit Leichtigkeit hochheben und Du konntest alle Autos und Maschinen fahren. Wenn Du wolltest warst Du einfach der Chef oder nur der Clown.

Manchmal habe ich mich an Deine unrasierte Wange gedrückt und Mama gab mir die „Hasenbrote“ die Du angebissen wieder mit nach Hause gebracht hattest. Die Wurst war meistens abgegessen, aber die Butter hatte von dem Aroma angenommen. Sie hat sie für mich auf dem Herd geröstet und ich habe sie gegessen und mir vorgestellt, wie Du sie im „Lastauto“ dabei hattest und sie dann wieder mitbrachtest, damit ich sie essen konnte.

Du trugst mich nach Hause als ich auf dem Spielplatz so schwer gestürzt war und als ich unter dem umgestürzten Baum lag hattest Du furchtbare Angst um mich. Du freutest Dich immer wenn es mir besser ging und ich wieder gesund wurde. Bei meiner Mutter sagtest Du manchmal auch wohlwollende Dinge über mich. Zu mir hast Du so etwas nur selten gesagt. Als wir zusammen die alte Waschmaschine zerlegten hast Du mich sogar gelobt als ich dabei war. Als ich erwachsen war hörtest Du sogar auf meine Meinung.

Genau wie ich hast Du Deine Geschwister geliebt. Ihr Kummer bereitete Dir Schmerzen. Der frühe Tod Deiner Schwester trieb Dir die Tränen in die Augen, schon wenn jemand nur ihren Namen erwähnte.

Was mir fehlte
Deine regelmäßige Anwesenheit hätte ich als Kind gewollt und einen ausgeglichenen Menschen, der mich mag und mir das zeigt. Einen Mann den ich sogar Papa nennen würde oder Vater und nicht immer nur Paul und er hätte so schön freundlich und immer lustig sein sollen, wie er es bei den anderen war – bei seinen Freunden. Wir waren viel zu wenig zusammen.

Was ich verstehe
Heute weiß ich, dass ich an der Art wie Du mit Deinem Vater strittest ein grundsätzliches Problem hätte erkennen können: Du fühltest Dich von ihm verraten. Er gab Dir nicht die nötige Anerkennung. Er hielt immer nur zu Deinem Bruder.

Nach dem Tod seiner Frau, Deiner Mutter spielte er diese Rolle weiterhin bereitwillig, weil er sie so gut kannte. Er unterstützte Deine Geschwister, die alleine nicht stark genug waren und mochte meine Kusinen mehr als Deine Söhne.

Was soll aus einem Mann werden der seinen Vater nicht liebt?

Heute weiß ich, dass Du noch eine uneheliche Tochter hattest. Du konntest nur eine der beiden Frauen heiraten und für die andere bezahlen.

Du hast auch Männer geschlagen, wenn sie Dich verärgerten. Du hast ihre Krankenhausrechnungen gezahlt und Deiner Mutter Geld gegeben für Deinen Bruder.

Du hast so viel gearbeitet, dass Du selten zu Hause warst. Dann hast Du noch Musik gemacht und viel getrunken. Nein, Du wolltest nicht immer wieder nach Hause, wo sie alle auf Dich warteten, alle Deine Kinder, auch meine Schwester die sich an allem die Schuld geben musste, weil sie doch behindert ist und es deswegen niemandem Recht machen konnte.

Aufgegeben hast Du nie, aber verzweifelt warst Du oft. Vielleicht hattest Du doch die Falsche geheiratet? Vielleicht wäre ein anderer Schwiegervater Dir wohlgesonnen gewesen und hätte Dich nicht verachtet, weil Du seine Tochter nahmst, die er selber so nötig brauchte, für seine Ideen, seine Landwirtschaft, seinen jüngsten Sohn und das Ziehkind?

In unheiliger Allianz schienen mir meine Großeltern von beiden Seiten verbündet, obwohl sie sich mieden. Sie wollten alle nicht diese Verbindung. Sie wollten ihr Kind lieber für sich. Es sollte helfen die Sippe zu ernähren. Eines konnte geopfert werden um die anderen durchzubringen. Manchmal glaube ich, Du und meine Mutter wolltet endlich dort raus, ein eigenes Leben führen und nicht nur für andere da sein.

Dieser Aufbruch war gut und aus Ihm entstand mein Leben. Ich war am Anfang nur eine Idee eines Mannes und einer Frau, ein neuer Versuch es besser zu machen und dieser Gedanke gefällt mir. Es ist kein schlechtes Leben, aber es war manchmal so schmerzvoll und unendlich traurig und ich weiß noch nicht wofür dieser Schmerz gut gewesen sein soll.

Ich glaube heute tatsächlich, dass Du auf uns stolz warst und Deine Strenge und die unterdrückte Zuwendung der ungeschickte Versuch war, uns zu fleißigen und anerkannten Arbeitern zu erziehen. Du hattest in Deinem Innern aber nicht wirklich die Vision, dass aus uns etwas Besseres werden kann, auch wenn Du uns das gegönnt hättest. Auch über diesen Schatten konntest Du nicht springen.

Ich habe so vieles von Dir geerbt und bestimmt auch vieles gelernt. Ich habe den Mann in mir so lange ausgesperrt, weil ich glaubte so zu sein wie Du ist schlecht. Das ist falsch.

Du warst wahrlich nicht perfekt und manchmal sogar weit davon entfernt einfach nur passabel zu sein. Du warst Du selbst, hast Dein Bestes gegeben und Du hast sehr hart gearbeitet, das hat nicht immer gereicht.

Du warst mir oft ein Vorbild, im Schlechten und im Guten. Ich bin wie Du, aber ich bin nicht derselbe. Ich hatte andere Voraussetzungen, lebte in anderen Beziehungen und ich habe oft anders entschieden.

Ich verdanke Dir einiges – wenigstens aber mein Leben – und schon alleine dafür danke ich Dir, mein Vater.

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